WENN DIE D-MARK WIEDERKEHRT . . .

Sie stand für Wiederaufstieg und Wohlstand: die D-Mark. Bis heute trauern ihr viele nach. Doch was würde ihre Rückkehr bedeuten? Die große Analyse
Die Kirchengemeinde von St. Johann im Schwarzwald schwört bis heute auf die D-Mark. Das ist verständlich, genießt sie doch noch immer die Segnungen der Währung, die die Deutschen 1948 einführten und die sie im Jahr 2002 nur ungern aus der Hand gaben. Seit damals nämlich, als Euro-Bargeld die Mark im täglichen Leben ablöste, ruft die Kirchengemeinde unermüdlich – und von vielen belächelt – zu Spenden von übrig gebliebenen D-Mark-Münzen für die Sanierung der Stadtkirche auf. Kürzlich gab sie das Ergebnis bekannt: Stolze 100 000 Mark, umgerechnet 51 000 Euro, liegen im Sammeltopf.Ungeliebter Euro. So liebenswert diese Geschichte klingt, so weit weg scheint sie auf den ersten Blick von der harten Euro-Realität mit ihrem nicht enden wollenden Schuldendebakel. Allerdings: Die D-Mark ist nicht nur ein Thema für ein paar Nostalgiker an den Stammtischen. Laut verschiedener Umfragen von Emnid und Forsa hätte die Hälfte der Deutschen sie gern wieder. Mit der Rückkehr der D-Mark beschäftigt sich seit einiger Zeit immer wieder und immer öfter auch die Finanzwelt. Bereits seit Ende September geistert durch angelsächsische Börsenportale die Meldung, dass „die Deutschen die Wiedereinführung der D-Mark ankündigen werden. Sie haben die neue Währung bereits bestellt und die herstellenden Firmen aufgefordert, sich zu beeilen.“ Das Zitat stammt von Philippa Malmgren, einer umtriebigen Politikberaterin der früheren Bush-Regierung in den USA und nach eigener Aussage auch des Aufsichtsrats der Deutschen Bank.

„Deutsche drucken D-Mark.“ Malmgren sieht den Rückzug der Deutschen aus den EZB-Gremien als Vorbereitung eines Rückzugs aus dem Euro. Sie weist darauf hin, dass nicht nur EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark abgedankt hatte, sondern auch Bundesbank-Chef und EZB-Ratsmitglied Axel Weber aufgegeben hat. Für Malmgren ist es kein Zufall, dass Weber anschließend zur Schweizer Investmentbank UBS wechselte, wie sie auf ihrer Homepage schreibt: „Das Nächste, was wir sehen, ist, dass diese (die UBS) die Wege beschreibt, auf denen Länder den Euro verlassen können, einschließlich der möglichen Kosten, falls Deutschland austräte.“ Die Studie gibt es tatsächlich (wichtige Details daraus weiter unten).

Doch nicht nur im Ausland kursieren solche Gerüchte. So ließ Frank Fischer, renommierter Fondsmanager des erfolgreichen Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen, verlauten, „dass D-Mark gedruckt werden“. Er wisse das „von einem guten Freund, der Kontakte zur Bundesbank hat“. Selbst das „Wall Street Journal“ vermeldete im Dezember, dass die europäischen Notenbanken Notfallpläne für den Fall von Austritten oder gar den völligen Zusammenbruch der Währungsunion erarbeitet hätten.

Aufbrechen des Euro-Raums. Der Gedanke eines Aufbrechens des Euro-Raums ist vom Rand also weit in die Mitte der Finanzwelt gewandert. Das zeigte auch das Treffen der wichtigsten Vermögensverwalter am 14. Januar in der Schweiz, bei dem sich Koryphäen wie Felix Zulauf, Marc Faber und Bill Gross austauschten. Zulauf führte dabei aus: „Mehrere Länder werden aus dem Euro aussteigen, angefangen mit Griechenland.“ Als Folge dieser Exits müsse das Bankensystem verstaatlicht werden mit Geld, das die Staaten eigentlich gar nicht hätten. Da die Staatsschulden weiter zunähmen, werde der Euro noch stärker unter Druck geraten. Auch US-Anleger seien nicht fein raus, so Zulauf, denn das verflochtene Bankensystem brächte auch die USA unter Druck. In diesem Umfeld müssten dann alle Regierungen massiv Geld drucken.

Banken-Angst heute größer als bei Lehman. Auch wenn es das vermeintlich normal laufende Tagesgeschäft nicht vermuten lässt, so scheint es doch nicht gut zu stehen um unsere Geldwirtschaft. Auf Alarmstufe Rot schaltete am Donnerstag vergangener Woche Jürgen Fitschen. Der designierte Chef der Deutschen Bank verwies darauf, dass die Banken derzeit so viel Geld wie noch nie bei der Europäischen Zentralbank parkten – zuletzt rund 528 Milliarden Euro. „Unter uns nennen wir das Angst-Indikator“, sagte Fitschen. Dieser Angst-Indikator sei heute höher als 2008 zur Zeit der Lehman-Krise. Dies zeige: „Irgendetwas stimmt nicht. Das Vertrauen ist verschwunden.“

Dass die Banken ihr Geld bunkern und nicht verleihen, treibt auch Michael Hüther, Direktor des industrienahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), Sorgenfalten auf die Stirn. Denn die Folge ist eine Kreditklemme, die den Unternehmen die Luft zum Atmen nimmt. Hüther sieht angesichts der „Labilität des Bankensystems“ die dringende Notwendigkeit einer „Zwangskapitalisierung“ der Geldhäuser. Zur Umsetzung empfiehlt Hüther eine Verstaatlichung aller verbliebenen Privatbanken.

Größere deutsche und internationale Firmen befassen sich seit 2011 ernsthaft mit den möglichen Konsequenzen der Euro-Krise auf ihr Geschäft. Der Touristikkonzern TUI lässt sich seit November von griechischen Hoteliers vertraglich bestätigen, dass er berechtigt ist, künftig Hotelrechnungen in der neuen Währung, zum Beispiel Drachme, zu begleichen, falls der Euro nicht mehr geltende Währung in Griechenland sein sollte.

Notfallpläne. Internationale Anwaltskanzleien und Unternehmensberatungen wie Ernst & Young, Linklaters, Freshfields oder Slaughter and May haben in den vergangenen Wochen – auch das ein Zeichen für die gestiegene Sorge um ein Währungschaos – umfassende Dossiers erarbeitet, die sich mit Notfallplänen für Unternehmen befassen. Darin werden Fragen behandelt, die für Konzerne im Ernstfall lebenswichtig werden können: Was gilt für vereinbarte Preise bei Einführung einer neuen Währung? Wie kann man sich vertraglich gegen eine Abschaffung des Euro absichern? Letzteres kann man zum Beispiel einfach durch die Einfügung einer Währungsklausel erreichen, nach der ein Preis statt in Euro auch in Dollar bezahlt werden kann.

Sehr wahrscheinlich ist ein chaotischer Zusammenbruch der Gemeinschaftswährung nicht. Allein die Angst vor den vielen negativen Konsequenzen wirkt als starkes Druckmittel auf die politischen Akteure, ihre harten Reformen hin zu einer Fiskalunion mit starker Haushaltsdisziplin auch durchzusetzen. Doch richtig ist auch: Die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Länder freiwillig aus der Währungsunion aussteigen oder sogar die ganze Union kippt, ist gestiegen. „Wir gehen von einer 50-Prozent-Wahrscheinlichkeit aus, dass Griechenland und weitere schwache Länder in den nächsten Jahren die Euro-Zone verlassen“, sagt ein hochrangiger Deutsch-Banker, der nicht zitiert werden möchte.

„Griechen-Pleite am 20. März.“ Daniel Kalt, Chefökonom der Schweizer Bank UBS, sieht die Lage sogar viel schneller eskalieren: „Am 20. März 2012 ist Griechenland bankrott. Dieses Datum können Sie sich in Ihrer Agenda rot markieren“, zitiert ihn das Magazin „Cash Daily“. Kalt bezieht sich darauf, dass an diesem Tag 14,4 Milliarden Euro griechische Staatsanleihen zur Rückzahlung fällig werden. Wenn das Land bis dahin die Verhandlungen über das nächste 130-Milliarden-Euro-Rettungspaket nicht abschließt und keine Einigung über einen Verzicht der Banken erzielt, ist Griechenland tatsächlich bankrott.

Was aber wäre, wenn Deutschland angesichts einer chaotischen Entwicklung der Einheitswährung selbst adieu sagen würde? Bis vor Kurzem galt der Gedanke noch als indiskutabel. Doch Anfang vergangener Woche betätigte sich Wolfgang Reitzle als Tabubrecher. Er glaube zwar, so der Linde-Vorstandschef in einem Interview, dass die Rettung des Euro gelingen könne, aber er sei „nicht der Meinung, dass der Euro um jeden Preis gerettet werden muss“. Und Reitzle weiter: „Wenn es nicht gelingt, die Krisenländer zu disziplinieren, muss Deutschland austreten.“

Linde-Chef pro D-Mark. Reitzle nannte auch die Konsequenzen, die er bei einem deutschen Ausscheren sieht: Es würde zu einer Aufwertung „der D-Mark, des Euro-Nord, oder welche Währung wir dann auch hätten, führen“. Zwar würde in den ersten Jahren durch einen einbrechenden Export die Arbeitslosigkeit steigen, doch würde dadurch auch der Druck zunehmen, noch wettbewerbsfähiger zu werden. „Schon fünf Jahre später könnte Deutschland im Vergleich zu den asiatischen Wettbewerbern noch stärker dastehen“, gab er sich zuversichtlich. Zwar bekam der Linde-Chef wie zu erwarten aus anderen Dax-Vorstandsetagen Widerspruch, doch damit war der Geist aus der Flasche. Schon tags darauf erhielt Reitzle Unterstützung vom Präsidenten des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Anton F. Börner. Der warnte davor, „uns auf jeden politischen Kuhhandel einzulassen, nur um die Gemeinschaftswährung zu retten“.

Doch ist die alte Mark unter neuem Namen wirklich eine Option? Allein die unabdingbare Geheimhaltung der Vorbereitungen wäre angesichts der Zahl der Beteiligten und der nötigen Zeit logistisch kaum möglich. Zur Erinnerung: Die Euro-Einführung nahm acht Jahre in Anspruch. Zur Erstausstattung wurden 4,3 Milliarden Banknoten im Wert von 265 Milliarden Euro gedruckt und 17 Milliarden Münzen im Wert von 5,3 Milliarden Euro geprägt. Die Produktionsaufträge dafür wurden zweieinhalb Jahre vor der Einführung vergeben. Doch selbst wenn die Verantwortlichen diese Herkulesaufgabe unbemerkt von der Öffentlichkeit schultern würden, gäbe es noch jede Menge andere Probleme.

Problem Aufwertung. Da wäre auf jeden Fall die von Reitzle erwähnte starke Aufwertung einer neuen Mark, die es für das Ausland teurer machen würde, deutsche Autos, Chemikalien oder Maschinen zu kaufen. Diese Aufwertung gegenüber dem Rest-Euro könnte sich, gemessen an der Wettbewerbsfähigkeit, mittelfristig vielleicht auf 20 bis 25 Prozent belaufen, schätzen Optimisten. Versucht man, den Abwertungsbedarf anderer Euro-Länder gegenüber einer neuen Mark mit Maßstäben wie der Entwicklung der Verbraucherpreise oder der Lohnstückkosten zu berechnen, ergeben sich teils unterschiedliche Zahlen (siehe Grafik Seite 42).

Kurzfristig dürfte es zu einer stärkeren Höherbewertung kommen – dann, wenn in den übrigen Euro-Ländern eine massive Kapitalflucht einsetzen würde. Das wäre mehr als wahrscheinlich, meinen die Ökonomen der Schweizer UBS. Sie haben sich mit am ausführlichsten mit den Folgen eines Zusammenbruchs des Euro-Systems befasst. In ihrer Studie „Euro breakup – the consequences“ schätzen sie die Aufwertung einer neuen Mark „konservativ“ auf 40 Prozent.

Euro-Länder am Ende. Schließlich würden die hochverschuldeten südlichen Euro-Länder bei einem Abgang Deutschlands von heute auf morgen von Krediten und Finanzhilfen abgeschnitten, kurz: Sie wären pleite. Ob ein Staat in einer solchen Lage noch Kapitalkontrollen effektiv durchsetzen könnte, sei mehr als fraglich. Wahrscheinlich wäre ein heftiger Ansturm der Bürger auf die Banken mit der Folge eines Systemzusammenbruchs. Ein insolventer Staat mit insolventen Banken würde seine Wettbewerbsfähigkeit aber komplett verlieren, schreiben die Autoren. Sie widersprechen damit sehr konkret den Aussagen von Hans-Olaf Henkel, der schwachen Ländern diesen Weg empfiehlt, um so wieder wettbewerbsfähiger zu werden (siehe Interview S. 43).

Jeder, der es noch geschafft hätte, an sein Geld zu kommen, würde versuchen, es dahin zu bringen, wo es am meisten wert wäre: Neben der Schweiz wären Deutschlands Banken mit die erste Anlaufstelle für Bürger aus Griechenland, Spanien oder Portugal. Tatsächlich sind sie das heute schon. Vor allem Iren und Griechen haben die Bankguthaben bei ihren heimischen Banken in den vergangenen beiden Jahren deutlich reduziert. Allein in Griechenland entzogen Bankkunden im Herbst innerhalb von zwei Monaten den Kreditinstituten 12,3 Milliarden Euro – Geld, das unter anderem jetzt in Deutschland liegt.

Neue Handelsschranken. Nicht vergessen werden dürfen andere Konsequenzen für den Handel. Denn: Der Austritt aus der Währungsunion ist gemäß dem Vertrag von Lissabon nur über einen Austritt aus der gesamten Europäischen Union möglich. Ein solcher würde sehr wahrscheinlich zu neuen Handelsbarrieren und Grenzkontrollen führen. Das wäre ein „Wachstumsschock für den Rumpf-Euro, der das Exportpotenzial untergraben würde“. Die UBS setzt diesen Handelseinbruch „sehr konservativ“ mit 20 Prozent an und merkt an: Im Kontext einer 40-prozentigen Aufwertung der neuen Mark würde das für deutsche Firmen „ein offenkundiges zusätzliches Handelshemmnis schaffen“.

Andererseits muss man auch feststellen: Deutsche Exporte beinhalten zu 40 Prozent Vorleistungsimporte aus dem Ausland. Und diese Vorprodukte könnte die deutsche Industrie mit einer härteren D-Mark deutlich billiger einkaufen, was ihre Kosten reduzieren würde. Dazu kommt: Die Euro-Randstaaten waren und sind nicht die Hauptkunden der hiesigen Industrie, wie Langzeit-Vergleiche belegen (siehe Grafik „Deutsche Exporte“). Ein Ausfall dieser Exporte wäre also vielleicht doch zu verkraften.

Den deutschen Finanzsektor würde eine D-Mark-Einführung indes hart treffen. Die Einlagen bei den Banken müssten in D-Mark umgewandelt werden – ansonsten erlitten die Investoren ja einen Vermögensverlust in Höhe der Abwertung des Euro. Der Kredit, den sich ein Unternehmen bei der Bank in Euro geholt hätte, um etwa im Ausland ein Werk aufzubauen, bliebe in Euro bestehen. Wertpapiere wie Staats- und Unternehmensanleihen aus der restlichen Euro-Zone würden ebenfalls in Euro denominiert bleiben.

WICHTIG FÜR ANLEGER: Unternehmensanleihen, die von nichtdeutschen Finanztöchtern hiesiger Konzerne begeben wurden, würden auch nicht in D-Mark zurückgezahlt werden müssen und sollten im D-Mark-Fall daher frühzeitig raus aus dem Depot. Ähnliches gilt für Staatsanleihen aus dem „alten“ Euro-Raum.

Zusammenbruch deutscher Banken. Die Bilanzen der Banken kämen jedenfalls ins Wanken: Denn ihre Forderungen würden weiterhin in (weichen) Euro bestehen, während ihre Verbindlichkeiten nun größtenteils in (harten) Mark anfielen. In dieser Lage wäre die massive Stützung durch den Staat oder gleich eine Verstaatlichung der Banken unvermeidlich.

WICHTIG FÜR VORSORGESPARER: Auch die private Altersvorsorge der Deutschen stünde auf der Kippe, denn die Versicherer müssten ihre Leistungen in D-Mark erbringen, während sie ihr Kapital aber oftmals in Anleihen der nun schwächeren Euro-Währung angelegt hätten – meist auch noch in Bankpapieren. Nur wer allein Bundesanleihen im Depot hätte, käme ungeschoren davon.

WICHTIG FÜR ANLEGER: Für Anleger bedeuten die Pleite- Perspektiven von Banken vor allem Gefahr für ihre Spareinlagen. Sie sollten für diesen Fall nicht mehr als die gesetzlich garantierten 100 000 Euro je Kunden bei einer Bank haben, bei Gemeinschaftskonten von Ehepaaren 200 000 Euro. Diese dürften aber auch im Krisenfall sicher sein – so, wie Bundeskanzlerin Merkel bereits nach der Lehman-Pleite eine öffentliche Garantie gab. Eine breite Streuung auch kleinerer Guthaben auf täglich verfügbare Konten bei mehreren Banken ist ebenfalls ratsam. Die besten Zinsofferten mit deutscher Einlagensicherung hat FOCUS-MONEY erst in Ausgabe 2/2012 vorgestellt.

Aktien- und Anleihenbesitzern empfiehlt sich eine Depot-Überprüfung. Profitieren könnten von einer D-Mark-Einführung eventuell Firmen wie Fielmann (ISIN: DE0005772206) oder Baywa (DE0005194062) mit starkem Deutschland-Geschäft dank Umsatzanteilen jenseits der 60 Prozent – Brillen etwa würden weiter gekauft. Gold und Immobilien würden sich noch am besten schlagen und könnten Wertsteigerungen erfahren (s. auch S. 46).

Immense Kosten. Die Kosten für die Deutschen wären in jedem Fall gewaltig. Die Autoren der UBS-Studie errechnen für einen D-Mark-Umstieg Kosten von 6000 bis 8000 Euro pro deutschen Einwohner, also 480 bis 640 Milliarden Euro – allein im ersten Jahr. In den Folgejahren kämen demnach jährlich noch 280 bis 360 Milliarden Euro dazu. Eine Rettung von Griechenland, Irland und Portugal beziffern sie dagegen bei einem jeweiligen Schuldenschnitt von 50 Prozent auf nur 80 Milliarden Euro.

Vielleicht noch gravierender könnte sich ein Aspekt auswirken, dem die UBS-Studie viel Aufmerksamkeit widmet: Da die wirtschaftlichen Verwerfungen zu einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit führen, werden Unruhen, Extremismus und Separatismus zunehmen. Die historische Erfahrung lehre, dass das Ende von Währungsunionen Länder in Bürgerkriege stürzen könne oder aber zu autoritären Regimen führe. So habe sogar eine Demokratie wie die USA in der Krise 1932/33 mit der Regierungsübernahme durch Präsident Franklin D. Roosevelt zeitweise autoritäre Züge angenommen. Zeitgenössische Schilderungen berichteten von offener Militärpräsenz in den Städten und von Washington als einer „belagerten Hauptstadt in Kriegszeiten“.

Depression, Deflation, Arbeitslosigkeit. Das Fazit: „Die wirtschaftlichen Kosten eines Zusammenbruchs des Euro sind hoch und extrem schädlich. Die politischen Kosten . . . sind zu groß, um in nackte Zahlen gefasst zu werden.“ Das meint auch Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er warnt vor „Massenpanik der Anleger, die Italien, Frankreich und Österreich in den Staatsbankrott treiben kann. Kurz danach wäre auch Deutschland in einer Depression, die rasch in Deflation ausarten würde.“

Willem Buiter, einer der weltweit angesehensten Ökonomen, befürchtet „bei einem Aufsplitten des Euro-Raums in eine Größere-DM-Zone mit rund zehn angrenzenden nationalen Währungen . . . ein finanzielles und wirtschaftliches Pandämonium“, also die Hölle. Er hält einen Zusammenbruch des europäischen und nordatlantischen Bankensystems sowie eine jahrelange weltweite Depression für unvermeidlich, der sich auch die Schwellenländer nicht entziehen könnten. Die globale Wirtschaftsleistung würde um mehr als zehn Prozent fallen, die Arbeitslosigkeit im Westen auf über 20 Prozent steigen.

Auch wenn der Urlaub in Italien oder Griechenland wieder spottbillig würde: Wenn das die Konsequenzen wären – was der Ex-BDI-Chef Hans-Olaf-Henkel bestreitet, sollte der Einsatz der D-Mark doch auf Kirchensanierungen im Schwarzwald beschränkt bleiben.
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